Bernd Bürger ist seit rund 30 Jahren Polizist in Bayern. Er hat zwischen linken und rechten Demonstrationen gestanden, bei Corona-Protesten und beim G7-Gipfel. Heute leitet er den Fachbereich Führung und Einsatz am Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring und forscht zu Positive Leadership. Im Gespräch mit Sarah Entacher von Empowering Democracy erzählt er, wie man Grundrechte im Minutentakt abwägt, wofür die Polizei eigentlich da ist und warum er sich für Empowering Democracy engagiert.
Sarah Entacher: Bernd, gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Mein Job hat etwas mit Demokratie zu tun?
Bernd Bürger: Einen ersten, einzelnen Moment kann ich gar nicht benennen. Ich war lange bei Einsatzeinheiten, die viel bei Versammlungen arbeiten. Da stehst du immer genau am Brennpunkt, zwischen linken, rechten und anderen Demos. Richtig bewusst geworden ist es mir aber erst, als ich Führungsverantwortung bekommen habe. Als junger Beamter in der Kette konzentrierst du dich auf die Taktik und versuchst, sie umzusetzen. Über das große Ganze habe ich mir damals wenig Gedanken gemacht.
Sarah: Was hat sich verändert, als du Führungsverantwortung übernommen hast?
Bernd: Als Kommandoführer oder beim G7-Gipfel, wo ich für Teile des Versammlungsgeschehens verantwortlich war, sprichst du direkt mit Anmeldern und Gegenparteien und versuchst zu vermitteln. Da ging es dann ganz konkret um demokratische Grundrechte.
Kannst du uns ein Beispiel nennen?
Gut erinnern kann ich mich an die Corona-Demos. Querdenker haben demonstriert, eher linke Gruppen dagegen, ständig gab es Straßenblockaden. Da musst du live abwägen: Wessen Grundrecht wiegt gerade schwerer? Die Versammlungsfreiheit ist Ausdruck der Demokratie. Gleichzeitig musst du einschätzen, ob das, was gerade vom Lautsprecherwagen kommt, vielleicht strafbar ist. Da arbeitest du direkt am Puls der Demokratie. Friedemann Schulz von Thun hat dazu einmal sinngemäß gesagt: Die Polizei kann sich aussuchen, von wem sie gerade nicht gemocht wird.
Wie triffst du in solchen Lagen Entscheidungen?
Juristisch sauber formuliert: nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. Ich setze das Recht mit dem geringstmöglichen Eingriff durch. In meinem Kopf ist das einfacher: Ich möchte möglichst wenig Menschen möglichst wenig auf den Keks gehen. Wenn Grundrechte konkurrieren, frage ich mich: Wie schaffe ich es, dass jede:r möglichst viel von den eigenen Grundrechten ausüben kann und die Polizei möglichst wenig eingreifen muss? Das hat sich in der Praxis sehr bewährt.
Das Vertrauen in Institutionen sinkt. Was kann man dagegen tun?
Zuerst einmal zeigen, wer wir sind und was wir machen. Ich finde die Öffnung der letzten Zeit gut, auch bei der österreichischen Polizei, die etwa Fernsehteams näher heranlässt. Ganz ehrlich: Die Polizei hat beim Vertrauen noch das geringste Problem. In den Umfragen liegt sie weit vorne. Das liegt auch daran, dass wir liefern. Nicht alle sind mit unseren Lösungen einverstanden, aber es kommt etwas dabei heraus.
Können andere demokratische Institutionen davon etwas mitnehmen?
Ja, vielleicht weil Polizist:innen darauf sozialisiert sind, Lösungen zu bringen und bei Entscheidungen auch Risiken einzugehen.
Wir müssen und können als öffentliche Institutionen zeigen, dass der Staat Probleme lösen kann und nicht nur in Arbeitskreisen diskutiert. Entweder erklären wir, warum etwas kompliziert ist, oder wir machen es wieder einfacher.
Viele Polizist:innen sind inzwischen auf Social Media unterwegs. Was bringt das?
Ein großartiges Beispiel ist die Polizei Niedersachsen, die auf Twitch streamt. Eine Person hat zurückgemeldet, dass sie durch den Stream verstanden hat, selbst betroffen zu sein, und hat sich an die Polizei gewandt. Das braucht Mut, denn Twitch ist live. Missverständnisse lassen sich da nicht mehr herausschneiden. Aber genau so holt man Menschen dort ab, wo sie sind. Das Wichtigste bleibt trotzdem, im Alltag zu zeigen, dass der Staat handlungsfähig ist.
Du sagst gern: Sicherheit gibt es auch in Nordkorea. Was unterscheidet eine demokratische Polizei?
Sicherheit allein reicht nicht. Unser tiefster Zweck ist: Wir sind ein Anker der Demokratie. Das sind wir, indem wir Sicherheit gewährleisten, aber auch Freiheit ermöglichen, transparent handeln und für unser Handeln verantwortlich gemacht werden können.
Daraus folgt ein anderer Anspruch an jede und jeden Einzelnen. Wenn der Nachbar, der bei irgendeiner Firma arbeitet, in der Fußballgruppe komische WhatsApp-Bilder teilt, ist das etwas anderes, als wenn ein Polizist das tut. Denn wir haben einen anderen Purpose als diese Firma.
In deinem Buch schreibst du, dass dieser Sinn im Alltag verloren gehen kann. Wie findet man ihn wieder?
Der schlechteste Zugang ist das Bild von uns als dünner blauer Linie zwischen Gut und Böse. Der eigentliche Sinn zeigt sich, wenn man die vielen kleinen positiven Situationen bewusst wahrnimmt. Die ältere Dame, der du über die Straße hilfst. Der Mann, bei dem du zwei Stunden lang den Diebstahl einer Hose aus der Waschküche aufnimmst und dir denkst: echt jetzt? Aber du bist für ihn da, und er ist dir dankbar.
Der Polizeijob ist ein Hamsterrad. Du nimmst den Hühnerdieb fest, und schon klaut jemand das nächste Huhn. Wer nur noch Verbrecher um sich sieht, entwickelt ein schwieriges Weltbild. Dann muss man sich bewusst machen: Wer mir als Rechtsbrecher begegnet, steht nicht für alle Menschen.
Was kann man da konkret tun?
Die Polizei Niedersachsen hat Demokratiepat:innen. Diese speziell fortgebildeten Kolleg:innen stoßen in ihren Dienststellen Gespräche über Demokratie an und setzen mit der Zivilgesellschaft Projekte um. Zum Beispiel bringt ein Judoprojekt junge Geflüchtete, Einheimische und Polizist:innen auf die Matte. So begegnet man sich außerhalb des Einsatzes und zeigt ganz nebenbei, wofür demokratische Polizeiarbeit steht.
Nimmt man sich im Dienst tatsächlich Zeit dafür?
Ich glaube schon. Nach einem meiner Podcast-Auftritte hat eine Inspektion eine Dankwand eingerichtet. Der Kollege hat mir ein Foto der leeren Wand geschickt, zwei Wochen später hingen dort die ersten Dankesschreiben von Bürger:innen und Lob von anderen Dienststellen. Das kann man institutionalisieren oder richtig professionell aufziehen wie in Niedersachsen.
Was hilft Polizist:innen, mit belastenden Erfahrungen umzugehen?
Bei wirklich traumatischen Ereignissen gibt es heute Gott sei Dank professionelle Hilfe. Für den Alltag ist mein wichtigstes Werkzeug der Circle of Influence. Konzentriere dich auf das, was du ändern kannst. Über politische Entscheidungen kannst du dich tagelang aufregen. Das bringt dich keinen Millimeter weiter, genauso wenig wie Ärger über den Regen. Ändern kannst du, mit wem du dich umgibst, welche Nachrichten du liest, wie du reagierst, wie ihr im Team miteinander umgeht und welche Freiräume du als Führungskraft gibst.
Auch Persönliches kann helfen: Ich habe zum Beispiel ein Familienfoto als Handyhintergrund. Jedes Mal, wenn ich es sehe, muss ich lächeln. Was du nicht ändern kannst, musst du akzeptieren. Es regnet halt.
Die Polizei darf Zwang anwenden. Wie verdient sie sich Vertrauen?
Indem sie immer erklärt, offen sagt, was gerade passiert und warum wir etwas tun. Niemand erwartet, dass die Polizei alles perfekt macht. Wir sind Menschen und machen Fehler. Also ehrlich sagen: Was ist passiert, wie hat sich die Lage für uns dargestellt, warum haben wir so entschieden? Eine Gefahr ist unser Beamtendeutsch. Es klingt manchmal, als würden wir eine objektive Wahrheit verkünden. Das kann kein Mensch.
Auch die Forschung zeigt: Transparenz ist der zentrale Faktor, um Vertrauen zu gewinnen und zu halten. Wenn die Polizei herumdruckst, denkt sich jeder: Da ist was faul. In der Kommunikation über soziale Medien hat sich in den letzten zehn Jahren aber sehr viel getan.
Auch in Österreich werfen etwa Klimaaktivist:innen der Polizei manchmal vor, bei Protesten Grenzen überschritten zu haben. Was würdest du ihnen sagen?
Redet miteinander. Ich war bei einer Veranstaltung des Bayerischen Bündnisses für Toleranz, die hieß „Perspektivwechsel“. Zehn Kolleg:innen aus Einsatzeinheiten und zehn Menschen, die sehr viel demonstrieren, auch Fußball-Ultras, waren einen ganzen Tag zusammen. Wir haben in einem sehr konstruktiven Rahmen darüber geredet, was uns jeweils antreibt und was wir an den anderen nicht verstehen. Dabei habe ich unglaublich viel gelernt.
Wäre das eine Veranstaltung mit Übernachtung gewesen, hätten wir am Abend sicher alle zusammen ein Bierchen getrunken.
Kann eine Organisation mit Befehl und Gehorsam demokratische Werte glaubwürdig leben?
Demokratische Werte sind ein Grundpfeiler unserer Organisation. Nach außen müssen wir sie vertreten, wir sind an Recht, Gesetz und Verfassung gebunden. Nach innen gilt: Demokratie ist kein Selbstzweck. Sie bedeutet, dass Menschen das, was sie können und wollen, auch tun und sich entfalten dürfen. Das muss auch in der Polizei gelten. Natürlich kann ich nicht sagen: Heute habe ich Lust, Blümchenposter zu malen. Aber ich kann meine Ideen und meine Stärken einbringen. Und da sind wir bei Positive Leadership.
Was heißt Positive Leadership, und bringt das auch etwas für die Demokratie?
Positive Leadership ist für mich vor allem eine Grundhaltung. Und die ist der Demokratie sehr nah. Das beginnt schon mit Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Kurz danach kommt die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Im Positive Leadership geht es darum, Menschen zu sehen und wachsen zu lassen. Die Demokratie verfolgt denselben Gedanken: Jede:r hat Rechte und soll den eigenen Weg gehen können.
Besonders wichtig ist mir dabei die Zuversicht, in der Führung wie in der Demokratie. Also ein positives Bild der Zukunft zu zeichnen. Die Demokratie lässt viele unterschiedliche Meinungen, Ansätze und Ideen zu. Genau daraus kann immer wieder etwas Besseres entstehen.
Warum engagierst du dich für Empowering Democracy?
Weil ich ein großer Fan der Demokratie bin, auch wenn sie manchmal unglaublich anstrengend ist. Frei nach Churchill: Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, abgesehen von allen anderen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich in einer Demokratie aufwachsen durfte. Jetzt möchte ich etwas dazu beitragen, gerade in schwierigen Zeiten.
An der Politik stört mich oft, wie stark sie auf Gegeneinander ausgerichtet ist. Mit Positive Leadership und mit Empowering Democracy wollen wir erreichen, dass mehr miteinander geredet wird und ein positives Bild der Zukunft entsteht. Wer ein Zukunftsbild hat, kann Entscheidungen treffen, die dazu passen.
Bei Empowering Democracy leitest du den Bereich „Einsatzorganisationen in Demokratien“. Was geschieht da konkret und welche Ziele hast du dabei?
Wir suchen gute Projekte, die es bei der Polizei schon gibt. Davon haben wir bereits zahlreiche entdeckt. Diese Projekte bringen wir auf die Bühne und zeigen, was schon passiert. Das gilt auch für andere Blaulichtorganisationen, vom Technischen Hilfswerk über Rettungsdienste und Katastrophenschutz bis zum Militär.
Daraus soll eine Art Twinning entstehen. Wir geben guten Projekten eine Plattform. Und über unsere Verbindungen begeistern wir vielleicht eine andere Organisation, etwas Ähnliches auszuprobieren. Die Demokratiepat:innen aus Niedersachsen sind so ein Projekt, das andere inspirieren kann.
Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns auf deine Beiträge beim Europäischen Demokratie-Kongress am 20. und 21. November in Wien!
Zur Person: Dr. Bernd Bürger ist Leiter des Fachbereichs Führung und Einsatz am Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring und seit rund 30 Jahren im Polizeidienst. Er forscht zu Versammlungen, Generation Z und Positive Leadership und ist zertifizierter Advanced PERMA-Lead® Consultant. 2026 erschien sein Buch „Positive Leadership in der Polizei“ bei Springer Gabler. Sein Roman, der gleichzeitig ein Fachbuch ist, erscheint im Januar 2027 bei Vahlen: „Sei einfach kein Arschloch. Führen mit Haltung, Herz und Humor“. Ein Chef lernt darin, gut zu führen, mit Forschung und Werkzeugen für den Alltag: keinarsch.de
Bernd live erleben: Beim Europäischen Demokratie-Kongress am 20. und 21. November 2026 in Wien diskutiert Bernd Bürger am Podium über „Themen und Methoden positiver Gestaltung in Gesellschaft und Demokratie“ und ist Teil einer der beiden Schwerpunkt-Diskussionen. Das ganze Programm findest du auf empowering-democracy.com/kongress-2026.
