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Warum wir, wenn wir Demokratie stärken wollen, auch über Arbeit sprechen müssen.

Interview

Wenn wir über Demokratie sprechen, denken wir an Parlamente, Wahlkabinen, politische Talkshows. Selten an den Ort, an dem die meisten Menschen den größten Teil ihres Tages verbringen: ihr Büro, ihr Team, ihre Arbeit.

Ein Gespräch mit Mario Pracht aus Dresden, Berater und Trainer für Positive Psychologie, Co-Founder von JURASSIC WORK – Positiv führen in wilden Zeiten

Ein Interview von Sarah Entacher, Empowering Democracy

Wenn wir über Demokratie sprechen, denken wir an Parlamente, Wahlkabinen, politische Talkshows. Selten an den Ort, an dem die meisten Menschen den größten Teil ihres Tages verbringen: ihr Büro, ihr Team, ihre Arbeit.

Mario Pracht widerspricht dieser blinden Stelle seit Jahren. Für 2027 ist in Dresden ein gemeinsames Format mit Empowering Democracy angedacht – in einem Bundesland, in dem der Zusammenhang zwischen Arbeitserfahrung und politischer Stimmung längst keine akademische Frage mehr ist. Unter der Marke „etc. PP® – Einfach. Besser. Arbeiten.“ berät Mario Führungskräfte auf Basis der Positiven Psychologie. 2025 entwickelte er das WACHSTUMS-QUADRAT®, ein Modell für wirksamere Zusammenarbeit. Im April desselben Jahres gründete er gemeinsam mit Dr. Nicole Tschierske und Gabriela Höer die Initiative JURASSIC WORK – Positiv führen in wilden Zeiten, die im Februar 2026 mit über 30 Führungskräften aus zehn sächsischen Branchen ihr erstes Format in Dresden veranstaltete.

Sarah Entacher: Welche Bedeutung hat die Positive Psychologie für das Thema Arbeit?

Mario Pracht: Eine enorme. Die Positive Psychologie ist die Wissenschaft vom gelingenden Leben und Arbeiten. Seit über 25 Jahren erforscht sie, was Menschen stärkt, was sie wachsen lässt und was Arbeit wirksam(er) macht.

Für die Arbeitswelt bedeutet das: Nicht nur auf Fehler, Mängel oder Defizite zu blicken. Es geht auch darum, Stärken von Menschen zu erkennen, positive Emotionen zu kultivieren und ein unterstützendes sowie motivierendes Arbeitsumfeld zu kreieren, in dem Arbeit einfach besser gelingt. 

Sarah Entacher: Viele verwechseln Positive Psychologie mit positivem Denken. Was ist der Unterschied?

Mario Pracht: Ja, das passiert oft. Positives Denken meint salopp gesagt: Probleme werden ignoriert oder weglächelt. Positive Psychologie ist das genaue Gegenteil davon. Sie fragt: Was brauchen Menschen, um mit Herausforderungen gut umgehen und gleichzeitig daran wachsen zu können?  Sie hat nichts mit Happyologie oder Zwangsbeglückung zu tun. Sie betont einen ausgewogenen Blick auf das Positive UND das Schwierige. Ihr Ziel ist es, Wohlbefinden und Lebensqualität zu stärken, indem sie Ressourcen fördert und Menschen befähigt, wirksam zu handeln.

Sarah Entacher: Und wie kam die Demokratie‑Perspektive dazu? Das ist ja kein klassisches Thema der Organisationsberatung.

Mario Pracht: Die Verbindung war lange eher ein dumpfes Gefühl als ein klarer Gedanke. Erst durch die Gespräche mit Dr. Wilhelm Sandrisser (Empowering Democracy) und Dr. Michaela Wegener (Dachverband für Positive Psychologie) wurde mir plötzlich klar, wie eng Arbeit, Demokratie und gesellschaftliches Vertrauen zusammenhängen. Menschen bringen ihre Arbeitserfahrungen mit in die Wahlkabine. Wer im Job wiederholt erlebt, dass die eigene Stimme nichts zählt, dass Entscheidungen über einen hinweg getroffen werden oder Fairness fehlt, der verliert Vertrauen in demokratische Prozesse. Umgekehrt stärkt Selbstwirksamkeit im Job auch das Vertrauen in gesellschaftliche Wirksamkeit. Als mir das bewusst wurde, konnte ich die beiden Themen nicht mehr trennen.

Sarah Entacher: Du sagst, es gibt einen messbaren Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Wahlverhalten. Was zeigt die Forschung konkret?

Mario Pracht: Ja. In den letzten Jahren wurden verschiedene nationale und internationale Studien veröffentlicht, die diesen Zusammenhang bestätigen. Neben Familie, Schule oder Herkunft prägt auch Arbeit das Gefühl von Gemeinschaft und Demokratie. Menschen, die im Job mitreden können, fair behandelt werden und Gestaltungsspielraum haben, entwickeln mehr Vertrauen in demokratische Prozesse.  Und umgekehrt gilt: Wer im Arbeitsalltag immer wieder erlebt, dass die eigene Stimme nichts zählt, findet sich überdurchschnittlich häufig bei Parteien wieder, die demokratische Strukturen infrage stellen. Der Frust, den man im Büro sammelt, bleibt nicht im Büro. Er wandert erst an den Abendbrottisch und landet am Ende auf dem Stimmzettel.

Sarah Entacher: Das ist eine steile These. Ist Führungskräften dieser Zusammenhang bewusst?

Mario Pracht: Eher nicht. Und genau das ist ein entscheidender Punkt. Wenn wir Arbeitsbedingungen verbessern, stärken wir nicht nur einzelne Menschen oder Teams oder Unternehmen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diese Verantwortung ist vielen schlicht nicht bewusst und bringt Corporate Social Responsibility auf ein ganz neues Level.  Denn die größte soziale Verantwortung von Unternehmen liegt nicht in Spenden, Sponsoring oder Kulturförderung. Nein. Sie liegt im Alltag der Arbeit selbst.

Sarah Entacher: Wenn du mit einer Führungskraft über bessere Arbeitsbedingungen und Positive Psychologie sprichst, was empfiehlst du als Erstes?

Mario Pracht: Auf keinen Fall mit der Gießkanne über das Team gehen. Es gibt keinen 10‑Punkte‑Plan, der überall funktioniert. Der erste Schritt ist immer Ursachenforschung: Was sind die Herausforderungen? Was die Symptome? Und was steckt wirklich dahinter?Erst wenn klar ist, welche Verhältnisse das Verhalten prägen, kann man gezielt gegensteuern. Positive Psychologie ist kein Wohlfühlprogramm. Sie ist ein präzises Werkzeug, das Führungskräfte nutzen können, um Engagement, Performance und Selbstwirksamkeit ihrer Mitarbeitenden zu stärken.

Sarah Entacher: Was kann eine Führungskraft von heute auf morgen verändern und was nicht?

Mario Pracht: Oh, das ist eine knifflige Frage und kommt auf die Perspektive an. Die Kultur eines Unternehmens verändert man nicht über Nacht. Bei der eigenen Haltung ist das schon möglich.  Jede Führungskraft kann jeden Tag neu entscheiden, was sie für ein Leader sein möchte. Will sie den Fokus nur auf Defizite und Mängel richten oder auch auf Stärken? Was trägt sie dazu bei, dass tragfähige Beziehungen und echte Beteiligung entstehen, das positive Emotionen erlebt werden oder Arbeit als sinnhaft, relevant und bedeutungsvoll verstanden wird.

Führungskräfte haben hier einen deutlich größeren Einflussbereich auf das Gelingen von Arbeit als ihnen bewusst ist. 

Sarah Entacher: Du kritisierst die politische Forderung „Wir müssen mehr arbeiten“ als eindimensional. Warum?

Mario Pracht : Ja, das tue ich. Ich nutze dafür gern ein Bild: Ein Mann steht im Wald und sägt mit einer stumpfen Säge einen dicken Baum. Ein zweiter Mann kommt und sagt: „Du solltest die Säge schleifen.“ Da antwortet der erste: „Ich habe keine Zeit, ich muss weitersägen.“

Genau das passiert politisch. Es wird gefordert, mehr Stunden zu arbeiten. Aber die entscheidende Frage ist nicht wie viel, sondern wie wir arbeiten. Wertschöpfung entsteht nicht durch Zeit allein. Wenn wir allein die Stundenzahl erhöhen, ohne die Qualität von Arbeit und das Wohlergehen von Menschen mitzudenken, erhöhen wir vor allem die Belastung – nicht die Wirkung.

Sarah Entacher: Was würdest du der Politik empfehlen, um Demokratie zu stärken?

Mario Pracht: Mehr echte Lösungsorientierung. Ein gemeinsames Verständnis, dass wir den Karren nur zusammen aus dem Dreck ziehen können – auch bei unterschiedlichen Meinungen. Und wir sollten die Debatte um Wachstum anders führen. Wohlstand ist eine Form. Doch neben dieser quantitativen Sichtweise gibt es eine zweite Seite der Wachstumsmedaille, die politisch bislang kaum berücksichtigt wird: Qualitatives Wachstum – also das, was ein Leben in einer Gesellschaft lebenswert macht. Wie das gelingen kann, zeigt Bhutan. Dort wird neben dem Bruttoinlandsprodukt auch das Bruttonationalglück gemessen. Wirtschaftlicher Fortschritt wird mit seelischem, sozialem und ökologischem Wohlbefinden zusammengedacht. 

Das würde uns in Deutschland gewiss weiterhelfen.

Drei Fragen zum Mitnehmen

Zum Abschluss unseres Gesprächs hat Mario uns die drei Fragen mitgegeben, mit denen er zuletzt bei einem Workshop die Teilnehmenden „in Bewegung“ gebracht hat. Wir geben sie hier unverändert weiter – als Einladung, selbst weiterzudenken:

  1. Was lernen Menschen in Organisationen über Macht, Mitsprache und Fairness – durch die Art, wie sie geführt werden oder wie sie Arbeit erleben?
  2. Welche dieser gelernten Verhaltensweisen und Muster tauchen später eins zu eins in unserem gesellschaftlichen Miteinander wieder auf?
  3. Wenn Arbeit ein Lernfeld für Gesellschaft wäre: Welche Erlebnisse müssten wir trainieren, damit Arbeit den gemeinschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie stärkt?

Im Herbst wird Mario in Wien auf dem Europäischen Demokratie Kongress am 20.–21. November 2026 mit dabei sein, dort seine Initiative „JURASSIC WORK – Positiv führen in wilden Zeiten“ vorstellen und in einem Panel genau diese Fragen weiter vertiefen.

Vielen Dank Mario für das Gespräch, wir freuen uns diesen Dialog im November beim Europäischen Demokratiekongress in Wien fortzuführen!